Vernichtungslager Belzec

 

 

 

 

 

 

 

 

Irgendwie ging mir das dann doch viel näher, als ich mir das jemals hätte vorstellen können…

Dabei war der Auftrag eigentlich einfach definiert. Ich sollte eine Bildungsreise als Fotograf begleiten und die Reise dokumentieren. Das Ziel war Lublin in Ostpolen. Dort kamen während des Holocaust unzählige Juden um. Das Vernichtungslager Majdanek liegt im Süden der Stadt. Nicht weit entfernt liegen die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Wir sahen uns an jedem dieser Tage an, wie diese Orte heute aussehen und erfuhren, wie die Täter diese Orte und Verbrechen organisierten. Aber größer als das Wie war mir wichtiger auf das Warum eine Antwort zu finden. Einige Orte, zum Beispiel das jüdische Viertel in Lublin, sind mit der Gegenwart verwachsen. Es erinnert vielleicht ein Stein an die dunkle Vergangenheit. Aber es gibt andere Orte, die heute Gedenkstätten geworden sind.

Belzec ist solch eine Gedenkstätte. Hier starben 500 000 Menschen. Ich habe noch nie so eine Gedenkstätte erlebt. Jeder Gedanke in der Gestaltung dieses Ortes ist durchdacht und nachvollziehbar. Überall ist diese unendliche Trauer zu spüren. Ich habe keinen Menschen dort verloren und trotzdem wollte ich nichts hören als Stille. Es ist eine Gedenkstätte, die respektvoll mit der Geschichte des Ortes umgeht. Warum Menschen anderen Menschen so etwas antun können, habe ich mich gefragt. Wenn man am Eingang dieser Gedenkstätte steht, führt ein Weg mitten durch das Schlackefeld. Am Anfang ist es noch auf Knöchelhöhe und man läuft hindurch und mit jedem Schritt werden die Mauern links und rechts neben einem höher. Jeder Schritt hallt in diesem Raum, der durch diese hohen Wände entsteht, die irgendwann dreizehn Meter hoch sind.
Am Ende des Weges steht in drei Sprachen aus dem Buch Hiob, das über einen Menschen handelt der trotz allem Leiden seine Treue zu Gott nicht aufgibt:

Ach Erde, bedecke mein Blut nicht! und mein Geschrei finde keine Ruhestätte! Hiob 16:18

Earth do not cover my blood; let there be no resting place for my outcry Job 16:18

Wenn man sich fragt, warum das alles geschehen ist und sich umdreht, dann begreift man, dass dieser Weg entstanden ist, weil man den ersten Schritt gemacht hat.
An einer anderen Stelle steht an einer Wand das Gedicht von Dan Pagis "written in pencil in the sealed freight car". Vielleicht gibt es auf die Frage nicht eine einzige Antwort, aber ein Teil der Antwort ist eben, dass es schon von Anfang an zur Menschlichkeit gehörte die Unmenschlichkeit eines Mordes zu ertragen.

29. April 2007 - 4. Mai 2017

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